Liebe Kundin,
lieber Kunde,

 

die Vorstellung unserer Lieblingsbücher des Jahres war in den letzten Jahren ein Höhepunkt unserer buchhändlerischen Arbeit. Leider ist auch diese liebgewonnene Veranstaltung den Corona-Bestimmungen zum Opfer gefallen.


Als kleinen Ersatz legen wir in diesem Jahr unsere 15 Empfehlungen in Schriftform vor. Wie jedes Jahr wieder eine bunte Mischung, die sowohl unsere verschiedenen Geschmäcker als auch die Vielfalt der Literatur widerspiegeln.
Wir freuen uns immer, wenn wir auch außerhalb des Mainstreams Titel für Sie entdecken können, deren Lektüre sich lohnt.


Im Bereich Kinder- und Jugendliteratur dürfen wir Sie auf die entsprechenden Rubriken auf dieser Internetseite verweisen.

Dort stellen wir eine breit gefächerte Auswahl an Titeln für jede Altersstufe vor.

 

 

Hoffentlich bereiten Ihnen unsere Empfehlungen so viel Lesefreude wie uns.

 


Wolfgang Meny    Carola Budéus      Sylke Gebhardt

 

 

 

 

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Sehr gerne habe ich den neuen Roman von Marco Balzano „Ich bleibe hier“ gelesen. Bereits ein Blick auf das Cover lässt erahnen, dass das Buch in Südtirol spielt. Zu sehen ist nämlich die Kirchturmspitze, die seit der Flutung des Vinschgaudorfes Graun im Jahr 1950 aus dem so entstandenen Reschensee ragt.

 

Zwar ist die Ich-Erzählerin Trina eine fiktive Figur, gleichwohl wirkt der historische Kontext, in dem dieses Buch spielt, immer noch auf die Gegenwart Südtirols ein. Trina lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern als Volksschullehrerin in Graun. Nach einem Abkommen zwischen Hitler und Mussolini müssen sich die Südtiroler entscheiden, ob sie nach Nazi-deutschland auswandern oder fortan in Italien als Bürger zweiter Klasse leben wollen. Diese Option und die daraus erwachsenen Diskussionen spalteten die südtiroler Gesellschaft tief. Und auch Trinas Familie wird zerrissen: ihre Tochter reist heimlich mit der Schwägerin nach Deutschland, der Sohn wird zum Hitler-Anhänger und Lehrerin Trina darf nicht mehr auf Deutsch unterrichten.


Sie entschließt sich mit ihrem Mann zum Widerstand: Zum Einen unterrichtet sie heimlich eben doch auf Deutsch und schließt sich dem Untergrund an, zum Anderen versuchen sie, den seit Jahrzehnten andauernden drohenden Bau einen Stausees zur Energiegewinnung und somit auch den Verlust ihrer Heimat zu verhindern. Die einfache und klare Sprache, in der Trina ihre Geschichte setzt Balzano, wie ich finde, ganz wunderbar ein, und verleiht dem Roman eine besondere Wahrhaftigkeit.


(Diogenes Verlag, geb., 288 S.,  22 €)                           Sylke Gebhardt

 

 

 

Asta wird in den 1950er Jahren in Reykjavik geboren. Kurz darauf verlässt die Mutter die Familie und Asta wächst bei einer Ziehmutter mit viel Liebe und Vertrauen auf. Als sie mit 15 Jahren einem Mitschüler, der sich über ihre Ziehmutter lustig macht, die Nase bricht, wird sie für einen Sommer als Erziehungsmaßnahme auf einen Hof in die Einöde geschickt. Dort arbeitet auch Josef, die beiden verbindet eine Seelenverwandtschaft. Diese Zeit wird wohl die schönste in Astas Leben. Am Ende des Sommers trennen sich ihre Wege, jedoch verlieren sie sich nie aus den Augen. Die folgenden ruhelosen Jahre bringen Asta schmerzvolle Verluste und Erfahrungen, erst später werden ihre Gefühle für Josef klar.


„Astas Geschichte“ beginnt chronologisch mit Astas Geburt, wechselt dann aber Perspektiven und Zeiten, da ja auch Erinnerung nicht chronologisch abläuft. Jón Kalman Steffánssons eigenwillig konstruierter Roman umfasst ein halbes Jahrhundert und thematisiert auch die Spaltung zwischen der isländischen Kultur und dem konstant wachsenden Tourismus, der Geld und Reichtum ins Land bringt.


Eine wunderbare Sprache, poetische Ausschweifungen und weise Gedanken über die großen Themen Leben und Liebe, Tod und Vergänglichkeit machen dieses Buch zu einem Genuss für den Leser.


(Piper, geb., 459 S., 24 € )                                           Carola Budéus

 

 

 

 

Ein sehr lesenswertes Buch ist „Sommergäste“ von Barbara Handke. Bereits die liebevolle Gestaltung hat mich für das Buch eingenommen: Ein hochwertiger Leineneinband und ein Titelbild, das die Atmosphäre der 70er Jahre einfängt, in denen das Buch spielt.


Die Geschichte ist aus der Perspektive von Hubert erzählt. Er lebt bei seiner Mutter, die eine kleine Pension am Meer betreibt. Hubert ist Postangestellter, Anfang dreißig und er hilft seiner Mutter beim Betreiben der Pension. Man bemerkt bald, dass Hubert etwas „anders“ ist, etwas langsamer, ein vermeintlich eingeschränkter Charakter. Aber er ist ein sehr guter Beobachter und macht sich so seine Gedanken über die Gäste. Obwohl einige der Gäste ihn nicht richtig ernst nehmen, analysiert er auf eine besondere ernsthafte naive Art die Geschehnisse.


Es sind seit Jahren immer dieselben Leute, die ihre Urlaubszeit in der Pension verbringen. Aber in diesem Jahr ist etwas anders: Huberts Mutter möchte unbedingt, dass ihr Sohn bald heiratet. Damit für ihn gesorgt ist und die Pension weiterläuft, wenn sie einmal nicht mehr ist. Das treibt Hubert in einen großen Konflikt: Er würde lieber angeln gehen anstatt auf dem Sofa sitzend einer Heiratskandidatin vorgestellt zu werden.


„Sommergäste“ ist eine wunderbare Erzählung mit viel Herz und einem hoffnungsvollen Ende. Es ist eine Geschichte über das „ganz normale Leben“ mit lakonischen Sätzen, viel Phantasie, humorvoll und mit Gefühl, ohne in rührseligen Kitsch abzurutschen. Das Buch macht einfach Spaß!


(edition überland, Leinen, 144 S., 18 €)                       Wolfgang Meny

 

 

 

Mit dem Humor ist es ja so eine Sache. Wer meinen Geschmack kennen lernen möchte: Ich habe in diesem Herbst Ella Carina Werner für mich entdeckt. Sie schreibt für das Satirema-gazin Titanic, das Missy Magazine, die FAZ, Zeit Online und die taz. Jetzt hat sie mit „Der Untergang des Abendkleides“ einen wunderbar kurzweiligen Erzählband veröffentlicht.


In 33 Geschichten treten auf: Ellas liebenswert-elegante Mutter, ihre überdrehte französischsprachige Cousine, eine blasierte Tante, die doch nicht ganz so verstorbene Ururgroßmutter, eine Sextouristin aus Singapur in den Straßen von St. Pauli sowie eine munter-exzentrische Schar weiterer schlagfertiger Damen und der eine oder andere männliche Zaungast.


Die Geschichten sind witzig, sehr unterhaltsam und der teils trockene, schwarze Humor hat es in sich. Dieser Humor funktioniert so gut, weil die Autorin die eigene Lebenswelt auf die Schippe nimmt, aber sich nicht einfach darüber lustig macht, sondern überdreht was da ist. Dabei nimmt sie sich selber nicht allzu ernst und hat auch immer einen liebevollen Blick auf ihre Protagonist*innen.


Ella Carina Werner erzählt aus der Sicht ihrer Lebenswirklichkeit einer – feministischen - Frau von 40 Jahren. Also ein Buch für Junge, Mittelalte und Junggebliebene. Und auch die ideale Lektüre für ein gegenseitiges Vorlesen an trüben Wintertagen.


(Satyr Verlag, geb., 176 S., 18 €)                                 Wolfgang Meny

 

 

 

Rose ist um die 50, Sekretärin, stammt aus einfachen Verhältnissen. Sie achtet auf ihr Äußeres und ist vordergründig selbstbewusst. Ihre beiden Kinder wohnen längst woanders und melden sich sehr selten. Nach einer Scheidung und einigen gescheiterten Beziehungen, in denen es auch Gewalt gab, hat sie eigentlich mit den Männern abgeschlossen und wünscht sich nun ein selbstbestimmtes Leben. Aus dem Internet besorgt sie sich einen Revolver, sie möchte nie wieder Opfer sein.


Ihren Feierabend verbringt sie in ihrer Stammkneipe, dem „Royal“, oft mit viel Alkohol. Dort lernt sie den Bauunternehmer Luc kennen, er bietet ihr ein luxuriöses Leben, sie begibt sich immer tiefer in die Abhängigkeit von ihm. Bald muss sie feststellen, dass Luc ganz anders ist…


Auf „Rose Royal“ habe ich mich sehr gefreut und bin nicht enttäuscht worden. Nicolas Mathieu zeichnet auf 95 Seiten, die es in sich haben, das Porträt einer vom Leben desillusionierten Frau, die noch einmal die Liebe trifft, und er tut dies in glasklarem, präzisem und wunderbarem Erzählstil mit überraschendem Ende.

 

(Hanser Verlag, geb., 95 S., 18 €)                                 Carola Budéus

 

 

 

Ein wichtiges Buch in der Corona-Zeit: „Fake Facts“, geschrieben von der Netzaktivistin Katharina Nocun und der Psychologin Pia Lamberty. Die Autorinnen sind der Meinung, dass in unsicheren Zeiten wie im Moment Verschwörungserzählungen besonders leicht auf fruchtbaren Boden fallen. Ein Grund ist der massive Kontrollverlust, den die Menschen erleben. Und in der Tat: Offensichtlich verbreiten sich Falschinformationen und Verschwörungstheorien ähnlich rasant wie Covid-19 selbst.


Die Recherche für dieses Buch hat aber lange vor Corona begonnen. Mit vielen Quellennachweisen wird auf verschiedene Aspekte von Verschwörungs-erzählungen eingegangen. Vom Kapitel „Psychologische Grundlagen von Verschwörungsdenken“ über „Flache Erde und Echsenmenschen“, „Esoterik als Motor für Verschwörungserzählungen“ bis hin zum Kapitel „Wir sind die Guten? - Verschwörungsmythen in linken Kreisen“ spannt sich der Bogen.


In Bezug auf die Corona-Pandemie erklären die Autorinnen, dass die Ver-schwörungserzählungen in solchen Krisen kein neues Phänomen sind: Auch bei der Spanischen Grippe gab es unzählige Beschuldigungen. Von den Deutschen, die angeblich Konservendosen mit dem Erreger infiziert hatten über religiöse Erklärungen als Strafe Gottes bis hin zur Erzählung von Moralaposteln, die Jazz-Musik oder zu enge Kleidung für die Erkrankungen verantwortlich machten. Sie stellen auch dar, wie derzeit antisemitische, rechtsextreme Kreise die Pandemie nutzen, um ihre Vorstellungen weiter zu verbreiten und in neue Schichten der Bevölkerung zu tragen.


(Quadriga Verlag, geb., 352 S., 19,90 €)                        Wolfgang Meny

 

 

 

Bereits nach wenigen Seiten der Lektüre bin ich dem autobiographischen Roman „Wie alles kam“ des großen Kinderbuchautoren Paul Maar restlos verfallen - so atmosphärisch dicht vermag Maar zu beschreiben was war und was ist…


Um den Schrecken des Krieges zu entkommen zieht Paul Maar, 1937 in Schweinfurth geboren, mit seiner Stiefmutter zu seinen Großeltern, die im ländlichen Obertheres eine Gastwirtschaft betreiben und wächst dort recht behütet auf. Das Kindheitsidyll endet jäh, als der traumatisierte und brutale Vater 1947 aus dem Krieg zurückkehrt. Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn wird lebenslang zerrüttet bleiben…


Schon früh gilt seine Liebe dem Zeichnen und den Büchern und seit dem Ende der Schulzeit auch Nele, durch deren theaterspielenden Familie sich ihm ganz andere Welten eröffnen. Passagen, in denen er vom gegenwärtigen Alltag mit seiner schwer an Alzheimer erkrankten Frau Nele erzählt, berühren zutiefst.


Paul Maar schreibt seinen Erinnerungsroman nicht chronologisch. „Schön wäre es, wenn sich Erinnerungen wie an einer Perlenschnur von der frühesten Kindheit bis in die Jetztzeit aneinander-reihen würden…So ist es aber nicht…Eher sind es verstreute große und kleine Pfützen nach einem Starkregen… .“( S.12)


(S .Fischer Verlag, geb., 304 S., 22 €)                            Sylke Gebhardt

 

 

 

Ein Buch der besonderen Art lesen Sie mit Joachim B. Schmidts Roman „Kalmann“.
Man könnte vermuten, es handelte sich um einen Krimi, wenn Kalmann, der selbsternannte Sheriff des winzigen isländischen Dörfchens Raufarhövn, während einer Fuchsjagd zufällig eine Blutlache entdeckt und sich dann auch noch herausstellt, dass der reichste Mann des Dorfes vermisst wird – aber ein Krimi ist dieses Lieblingsbuch allenfalls am Rande.


Nach wenigen Seiten fühlte ich mich beim Ich-Erzähler Kalmann an die Figur des Forrest Gump erinnert: Etwas anders, etwas langsam, aber auf seine ganz eigene Art weise und reinen Herzens.


Kalmanns Großvater Odin hat ihm alles beigebracht, was im Leben wichtig ist – insbesondere, wie man einen richtig guten Gammelhai zubereitet. Leider lebt Odin seit einer ganzen Weile alzheimerkrank zwei Stunden entfernt in einem Pflegeheim und Kalmann ist auf sich allein gestellt.


Sie erfahren in diesem Buch so einiges über Island, seine herrliche Natur, Fangquoten, Gammelhai, Kalmanns besten Freund Noi (den er allerdings bisher nur virtuell gesehen hat) und natürlich auch, was es mit der Blutlache auf sich hat - aber das Wichtigste ist: Sie lernen Kalmann kennen, der in etwas merkwürdigen Zeiten einfach unglaublich gut tut!


(Diogenes Verlag, geb., 351 S., 22,00 €)                       Sylke Gebhardt

 

 

 

„Barracoon“ - dieses bemerkenswerte Zeitzeugnis der afro-amerikanischen Anthropologin und Schriftstellerin Zora Neale Hurston von 1931 wurde erstmals 2018 in den USA veröffentlicht. In der Regel wurde die Geschichte über Sklaven von ihren Herren erzählt, hier aber kommt der letzte Überlebende des transatlantischen Sklavenhandels zu Wort.


Zentrale Figur ist Cudjo Lewis, Geburtsname Oluale Kossolu. 1860 wurde er als „Barracoon“ (Bewohner der Baracken, in denen die Gefangenen bis zu ihrem Abtransport interniert waren), von Westafrika nach Alabama verschleppt und war bis zum Ende des Bürgerkriegs versklavt. 1927 befragte Hurston den 86-Jährigen letzten überlebenden Sklaven über mehrere Monate. Seine Geschichte ist sehr berührend, manchmal brutal, insgesamt sehr dicht. Nicht immer leicht zu lesen, da die deutsche Übersetzung die Umgangssprache von Lewis beibehalten wollte. Begleitet und kommentiert wird die Dokumentation von der Herausgeberin. Auch gibt es ein Glossar und viele hervorragende Ergänzungen, die helfen zu begreifen, was hinter den einfachen Worten steht.


Diese Schattierungen von schwarzen und weißen Menschen, von Sklaverei und Rassenfragen sind definitiv keine leichte Lektüre, dennoch wünsche ich dem Buch eine große Leserschaft.


(Penguin, geb., 221 S., 20 €)                                        Carola Budéus

 

 

 

Wie spannend moderne Geschichtsschreibung sein kann, habe ich bei der Lektüre eines Buches von Karina Urbach festgestellt. „Das Buch Alice. Wie die Nazis das Kochbuch meiner Großmutter raubten“ lautet der Titel. Karina Urbach ist eine prominente Historikerin, die in Princeton forscht und in London lehrt. Im „Buch Alice“ erzählt sie die Geschichte ihrer Großmutter.

 

Alice Urbach war eine bekannte Wiener Persönlichkeit, als 1935 ihr Kochbuch „So kocht man in Wien!“ erschien. Das Buch war ein Bestseller, ein hochgelobtes Standardwerk. Nach der Machtübernahme der Nazis in Österreich im März 1938 war auch die jüdische Familie Urbach von antisemitischen Ausshreitungen, Plünderungen und Misshandlungen betroffen. Der Rheinhardt-Verlag, in dem das Kochbuch erschien, „reinigte“ es von international und feministisch klingenden Stellen. Alice Urbach verlor nicht nur ihre Heimat und musste emigrieren. Auch die Rechte an ihrem Kochbuch wurden ihr genommen. Als angeblicher Verfasser wurde ab diesem Zeitpunkt ein gewisser Rudolf Rösch angegeben. Wer dieser „Rösch“ sein soll, ist bis heute unklar.

 

Karina Urbach erzählt nicht nur die Geschichte ihrer Großmutter, sondern auch die ihres Vaters Otto und ihres Onkels Karl. Sie hat aus dieser Familiengeschichte eine unglaublich spannende und lehrreiche Lektüre gemacht. Durch die Verschränkung allgemeiner Zeitereignisse mit konkreten Biografien, belegt mit vielen Quellen, stellt sie ein Lehrstück in Sachen Habgier und Antisemitismus dar. Aber auch ein Dokument des Widerstands und der beharrlichen Verweigerung, sich dem Unrecht zu beugen.


Propyläen Verlag, geb., 422 S., 25 €)                           Wolfgang Meny

 

 

 

 

„Puuuh“, werden Sie vielleicht sagen, „ist dieses Jahr denn nicht schon dramatisch genug? Muss es denn jetzt unbedingt auch noch ein Buch über eine junge Frau sein, die am Unfalltod ihres zehnjährigen Bruders fast zerbricht? Geht es nicht ein bisschen gefälliger? Vielleicht mal was, das gut tut?“


Lassen Sie sich nicht davon abschrecken, dass die Trauer der Biologin Paula in Jasmin Schreibers Roman so tief ist wie der titelgebende „Marianengraben“. Trauen Sie sich und lesen Sie dieses wunderbare, wahrhaftige, witzige, traurige, skurrile und tröstliche Buch!


Paula trifft zwei Jahre nach dem Tod ihres Bruder bei einem nächtlichen Friedhofsbesuch auf den über achtzigjährigen Helmut, der damit beschäftigt ist, die Urne seiner Exfrau auszubuddeln. Er hat ihr nämlich eine Reise versprochen und dieses Versprechen zu ihren Lebzeiten nicht mehr halten können. Paula findet den spröden Helmut in keinster Weise sympathisch, aber gewisse Umstände und auch Paulas Haltlosigkeit führen dazu, dass die beiden in einem altersschwachen Wohnmobil mit Hund und Huhn zu einer abgedrehten Reisegesellschaft werden. So verschieden sie auch sind, Paula und Helmut kennen sich beide aus mit Trauer, Einsamkeit und auch Schuldgefühlen und auf ihrem skurrilen und oft schreiend komischen Roadtrip ins Allgäu nähern sie sich einander an.

 

Jasmin Schreiber, ehrenamtliche Sterbebegleiterin und Sternenkinder-fotografin, hat ein Buch geschrieben, dass gar keine Berührungspunkte mit Mariana Lekys “Was man von hier aus sehen kann“ hat, aber in mir das gleiche Lesegefühl ausgelöst hat.


(Eichborn Verlag, geb., 256 S., 20 €)                             Sylke Gebhardt

 

 

 

Der Roman „Die Tanzenden“ ist das erste Buch der französischen Schriftstellerin Victoria Mas

as. Hauptschauplatz ist die Salpetriére in Paris, ein riesiger Gebäudekomplex, der im 19. Jahrhundert als psychiatrische Heilanstalt genutzt wurde. Dorthin wurden Frauen gebracht, die sich nicht den gängigen Konventionen anpassen wollten.


Erzählt wird die Geschichte von drei Frauen, die dort aufeinander treffen: Louise, die seit drei Jahren nach einem Missbrauch in der Anstalt ist, Eugénie, eine junge Frau aus der Pariser Bourgeoisie, die von Vater und Bruder als hysterisch eingeliefert wird, nachdem sie offenbart hat, dass sie mit Verstorbenen in Kontakt treten kann, und Geneviéve, eine Pflegerin,die eigentlich gern Ärztin wäre. Der berühmte Neurologe Jean-Martin Charcot behandelt die Frauen und präsentiert die „spannendsten“ Fälle in seinen Vorlesungen. Einmal im Jahr wird der „Bal des Folles“ organisiert an dem die Pariser Haute Volée kommen und die „Irren“ hautnah begaffen darf. Der Kostümball ist der Höhepunkt des Jahres, Mut und Solidarität verbinden die weggesperrten und vergessenen Frauen, und Eugénie plant nicht nur ihr Kostüm…


Dieser Roman beruht auf gut recherchierten wahren Begebenheiten, und obwohl er ein sehr düsteres Kapitel beschreibt, liest er sich leicht und flüssig.


(Piper Verlag, geb., 234 S., 20 €)                                   Carola Budéus

 

 

 

 

Ans Herz legen möchte ich Ihnen auch den Debütroman die „Die Detektive vom Bhoot-Basar“ von Deepa Anappara. Die in England lebende indische Journalistin siedelt ihre Geschichte in einer nicht näher benannten nordindischen Großstadt an. Der neunjährige
Jai lebt wie seine Freunde, der muslimische Faiz und das ältere und auch klügere Hindumädchen Pari, in einem Slum, Basti genannt, im Schatten der Hochhäuser der Mittelschicht. Wie etwa 700 Millionen Inder leben die Kinder auf engsten Raum ohne fließend Wasser oder Toiletten. Jai interessiert sich weitaus mehr für Polizeiserien im Fernsehen als für die Schule und als ein Klassenkamerad spurlos verschwindet fühlt er sich Kraft seiner „Polizeierfahrung“ berufen, den Fall aufzuklären.


Mit einem Kinderkrimi à la Drei Fragezeichen hat das allerdings nichts zu tun. Der kindlich naive Blick Jais beschreibt seine knallharte Lebenswirklichkeit aus Armut, Smog, Polizeigewalt, Korruption, sozialen und religiösen Spannungen, ohne dass er sich eine andere Welt auch nur vorstellen könnte. Als ein weiteres Hindukind verschwindet beginnen Fanatiker der Hindu-Partei gegen Muslime zu hetzen, dann allerdings verschwinden auch muslimische Kinder. Jedem dieser verschwundenen Kinder widmet die Autorin ein eigenes Kapitel und so bilden sich nach und nach die individuellen Lebensver-hältnisse ab, die eben doch auch sehr differieren. Wahrlich kein Bollywood-Roman - aber sehr lesenswert!


(Rowohlt Verlag, geb., 24 €)                                        Sylke Gebhardt

 

 

 

Nicht oft, manchmal nur einmal im Jahr, erlebt man, dass man ein ganz besonderes Buch entdeckt. Oft durch einen Tipp von Kund*innen oder Kolleg*innen. So erging es mir in diesem Jahr mit dem Titel „Die Unschärfe der Welt“. Geschrieben hat es Iris Wolff, geboren 1977 in Hermannstadt, Siebenbürgen. Heute lebt sie in Freiburg.


Schauplatz des Romans ist Siebenbürgen und das Banat in der Zeit zwischen der Herrschaft des rumänischen Königs Michael und dem Sturz des Ceausescu-Regimes.


„Sieben“ scheint für die Autorin auch die Ausgangszahl ihrer Erzählung zu sein: Das Buch enthält sieben Kapitel, die in sich geschlossen sind, aber miteinander verbunden. Den Rahmen bilden sieben Figuren, die alle etwas miteinander zu tun haben und deren Lebenswege sich trotz aller Schicksalsschläge aufeinander zubewegen. Über vier Generationen wird eine Geschichte erzählt, in deren Mittelpunkt eine deutschsprachige Pfarrersfamilie in Rumänien steht.


„Die Unschärfe der Welt“ ist auf eine außer-ordentlich poetische Weise erzählt. Durch die federleichte Erzählweise der Autorin wird man sofort in die Geschichte hineingezogen und möchte das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Der kurze Roman von nur etwa 200 Seiten enthält keinen Satz zu viel und am Ende ist man froh, ein so vollendetes Buch gelesen zu haben. Und fängt am besten gleich wieder von vorne an...


(Klett-Cotta, geb., 216 S., 20 €)                                    Wolfgang Meny

 

 

 

Nikolai Gogols Erzählung „Die Nacht vor Weihnachten“ erschien bereits im Jahr 1831. Nun gibt es eine Neuausgabe mit wunderschönen Illustrationen von Mehrdad Zaeri.


Nach russischem Volksglauben erfüllt der Teufel in dieser Nacht geheime Wünsche, fordert aber dafür die Seele des Menschen. In dem verschneiten ukrainischen Dorf Dikanka ereignen sich in der Vorweihnachtsnacht wunderliche Dinge: Die Hexe Solocha reitet auf ihrem Besen durch die Nacht, stiehlt sich einige Sterne, mit denen sie sich für das Fest schmücken will, und plötzlich ist der Mond verschwunden. Der Teufel hat noch eine Rechnung mit dem frommen Schmid Wakula offen, denn dieser hat auf eine Kirchenwand ein Bild von der Vertreibung des Teufels gemalt. Wakula ist in die schöne, aber eingebildete Oxana verliebt, sie fordert von ihm, dass er ihr die schönsten Ballschuhe der Zarin bringt. Notgedrungen muss er einen Pakt mit dem Teufel schließen. Was dann passiert, sollten Sie selber lesen - oder sich vorlesen lassen.


Gogol erzählt weitschweifig und bezaubernd, bei jeder Szene gibt es ausführliche Informationen rund um die jeweilige Figur. Diese märchenhaft-phantastische Geschichte lässt viel Raum zum Schmunzeln., in teils skurrilen Episoden wird die Doppelmoral der Dorfbewohner entlarvt.
Ein sehr lesenswerter, etwas anderer Klassiker für die Weihnachtszeit!


(Insel-Bücherei, 119 S., 14 €)                                         Carola Budéus

 

 

 

 

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